Sonntag, 24. Dezember 2017

Fethullah Gülen

Fethullah Gülen
Fethullah Gülen [ɡyˈlɛn] wurde 1938 (oder 1941) in Korucuk, Provinz Erzurum, Türkei geboren.

Er ist das geistliche Oberhaupt der Gülen-Bewegung, die in der Nachfolge Said Nursîs eine Neo-Nurcu-Bewegung ist.

Gülen lehnt ab, der Nachfolger von Said Nursî zu sein. Es sei nie seine Absicht gewesen, aus der Menge herauszuragen, geschweige denn eine führende Persönlichkeit zu werden. Gülen trifft hochgestellte politische und religiöse Persönlichkeiten aus aller Welt zum Dialog der Religionen, darunter Papst Johannes Paul II.

Zur Gülen-Bewegung gehören zahlreiche Unternehmen, viele Institutionen sind von ihm beeinflusst. Zu diesen gehören neben Privatschulen und -universitäten wie die Fatih-Universität in Istanbul Bildungsvereine, Radio- und Fernsehsender - unter anderem Samanyolu TV und bis zur Einstellung des Sendebetriebs dessen außertürkischer Ableger QLAR (zuvor Ebru TV), eine Nachrichtenagentur, die Bank Asya, Versicherungen wie die Işık Sigorta, Medienunternehmen wie die World Media Group, Verlage und Tageszeitungen wie die auflagenstärkste Zeitung der Türkei Zaman, zwei Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, Hochschulvorbereitungsklassen, Wohnheime, ein Unternehmerverband sowie Gewerkschaften. Es sei abzusehen, dass die „radikal-islamistische Gülen-Bewegung demnächst die entscheidende Medienmacht“ in der Türkei sei, kommentierte Die Presse.

„Erneuerung der Religion aus den traditionellen Quellen des anatolischen Volksislams“, so charakterisiert die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh Gülens Denken. Gülens Lehre, die sich über die letzten 40 Jahre einem gewissen Wandel unterzogen hat, unterscheidet sich von anderen Nurcu-Gruppen dadurch, dass er einen modernen türkischen Nationalismus, freie Marktwirtschaft und die Bedeutung der Bildung betont. Gülen erweitert dabei die soziale Basis der Nurculuk-Bewegung, indem er die ghazawāt betont und versucht, den türkischen Nationalismus stärker zu islamisieren. Sein Nationalismus ist dabei mehr ein umfassend religiöser, weniger ein ethnischer oder rassischer. In seiner Inklusivität umfasst er zwischen Bosniaken und Kasachen fast alle Muslime des Osmanischen Reichs. Allerdings verwendet er perser- und araberfeindliche Untertöne.

Der Prediger verwirft die Evolutionstheorie Darwins, geißelt den Atheismus und stellt den Islam über die Demokratie. Ein Urteil über „weltliche Systeme“ sei immer „relativ“, sagt Gülen im Internet. Auch die Wissenschaft müsse an ihrer Übereinstimmung mit den Lehren des Islams gemessen werden: „Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen oder von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft. Selbst zweifelsfrei etablierte wissenschaftliche Fakten können nicht die Säulen sein, auf denen die Wahrheiten des iman (Glaubens) ruhen.“ Die Demokratie solle „ihren Horizont erweitern“ und „das Leben des Menschen nach dem Tode in Betracht ziehen“.

Gülen vergleicht Apostasie (Abwendung von einer Religionszugehörigkeit) im Islam mit Hochverrat. Islamrechtlich ist dafür die Todesstrafe vorgesehen.

„Die Apostasie wird nach dem islamischen Gesetz von den meisten Staaten und allen Streitkräften genauso hart beurteilt wie der (Landes)verrat. Man muss hoffen, durch Flehen, Beten, Überzeugen und durch alle anderen legitimen Mittel verhindern zu können, dass ein solches Verbrechen publik wird und der Gesellschaft schadet. Diejenigen, die diesen Weg weiter verfolgen, müssen dazu eingeladen werden, die Schwere ihrer Handlungen zu überdenken und zu bereuen. Und wenn sie diese Möglichkeit zurückweisen, ist die Todesstrafe angemessen.“

Nach Gülen ist Unglaube ein Verbrechen.

„Die Bestrafung eines Mordes, der in der Regel nicht länger als wenige Minuten oder auch nur einige Sekunden in Anspruch nahm, reicht von vielen Jahren bis hin zu lebenslänglich Gefängnis oder der Todesstrafe. Doch Unglaube ist ein viel schwereres Verbrechen als Mord […] Niemand außer Gott weiß, ob ein Mensch ins Paradies oder in die Hölle kommen wird. Obwohl der Unglaube eine ewige Strafe verdient, steht es uns nicht an, darüber zu urteilen, ob ein bestimmter Ungläubiger tatsächlich in die Hölle kommen wird. Denn möglicherweise nimmt er ja eines Tages den Glauben an und findet doch noch den Weg ins Paradies.“

Fethullah Gülen verlangt zwar von Frauen nicht, sich zu verschleiern bzw. Kopftuch zu tragen, doch verhalten sich die meisten seiner Anhängerinnen so. Necla Kelek schreibt, nach außen vertrete er „eine Art Islam light“, während er „nach innen […] einen machtbewussten islamischen Chauvinismus“ propagiere. Fethullah Gülen selbst sieht das Schlagen der Frau als im Islam verboten an. In einem Interview mit der FAZ hielt Gülen zur Rolle der Frau im Islam fest, dass Frauen nahezu alle Rollen, auch die eines Richters oder Staatsoberhauptes, übernehmen können.

Seine Anhänger sehen in ihm einen wichtigen islamischen Gelehrten mit liberalen Ideen und interreligiösen Dialogabsichten, während ihm Kritiker vorwerfen, die laizistische türkische Republik zu unterminieren und durch einen islamischen Staat ersetzen zu wollen. Außer Nationalismus wird seiner Bewegung auch Islamismus vorgeworfen.

In kritischen Buchveröffentlichungen bekannter türkischer Autoren wie Ahmet Şık und Nedim Şener wird die „Gülen-Sekte“ als Lenkerin eines islamisch gesinnten Tiefen Staates bezeichnet, der in der Republik Türkei entstehe und Behörden, Polizeiapparat und Justiz unterwandere. Der ehemalige türkische Oberstaatsanwalt İlhan Cihaner, der gegen Fethullah Gülen und seine Bewegung ermittelt hatte, wurde starkem Druck ausgesetzt, verhaftet und musste sein Amt aufgeben. Cihaner kritisierte den Einfluss der Bewegung mit den Worten: „Wer sich mit Gülen anlegt, wird vernichtet“.

In der Republik Türkei sind Fethullah Gülen und seine Bewegung äußerst umstritten. Die Schulen der Gülen-Bewegung sollten bis September 2015 geschlossen werden.

Der ehemalige stellvertretende Direktor der nachrichtendienstlichen Abteilung der türkischen Polizei, Hanefi Avcı, schreibt in seiner Autobiografie, dass die Fethullah-Gülen-Bewegung die türkische Polizei unter ihre Kontrolle gebracht habe. Sie begehe zudem rechtswidrige Abhöraktionen und andere illegale Tätigkeiten. Avcı wurde kurz nach Erscheinen seines Buches festgenommen. Er sieht seine Festnahme deshalb im Zusammenhang mit einer gegen ihn gerichteten Kampagne der Gülen-Bewegung. Vier Abgeordnete der oppositionellen CHP teilten in einer Pressemitteilung nach einem Besuch Avcıs im Gefängnis mit: „Dass die Bewegung insbesondere im Polizeiapparat organisiert ist, wussten wir; dennoch waren die weiteren Enthüllungen ein Schock für uns. Der Nachrichtendienst und KOM – Abteilung Schmuggel und Organisiertes Verbrechen stehen außerhalb der Gesetze und sind staatlicher Kontrolle entzogen.“ Und weiter: „Es gibt eine Organisation, in der Religiöse die Führung innehaben. Die Ausmaße sind erschreckend. Wir haben gesagt, dass in der Türkei eine Schreckensherrschaft errichtet wird. Jetzt wissen wir, woher das kommt.“ Der türkische Oberstaatsanwalt İlhan Cihaner kommentiert dazu: „Jeder, der gegen diese Gruppen vorgeht, landet im Gefängnis und sieht sich einer Anklage gegenüber. Alles wird von einer Zentrale aus gelenkt.“ Auch Türkan Saylan sieht laut einem Bericht des Türkeibulletins der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit die Fethullah-Gülen-Bewegung hinter ihrer Festnahme, weil sie sich für eine Erziehung in einer weltlichen Ordnung eingesetzt hätte.

In einem Beitrag für Foreign Policy bezeichnet der Politikwissenschaftler Soner Çağaptay die Gülen-Bewegung als „ultrakonservativ“ und schreibt, dass die aktuelle Entwicklung in der Türkei, in der die Macht der Militärs zurückgedrängt wurde, nur vordergründig den Anschein einer Demokratisierung habe. In Wirklichkeit habe sich das Machtgefälle so vertauscht, dass nun die Gülen-Bewegung an die Stelle der Militärs getreten sei und einen neuen „tiefen Staat“ bilde. Die Bewegung kontrolliere Polizei samt ihrem Nachrichtendienst und gewinne immer mehr Einfluss in der Justiz.

In Deutschland – so der Islamwissenschaftler Bekim Agai von der Universität Bonn – ist die Bewegung mit Nachhilfezentren „in nahezu jeder größeren Stadt aktiv und bemüht sich, private Schulen zu eröffnen, ohne dabei eine offizielle Zentrale zu besitzen, was jedoch nicht bedeutet, dass die Aktivitäten im Netzwerk nicht koordiniert werden“. In Köln wird das Privatgymnasium Dialog mit Fethullah Gülen in Verbindung gebracht. In Berlin betreibt das TÜDESB Bildungsinstitut Berlin-Brandenburg e.V. insbesondere die Wilhelmstadt-Schulen. Auch TÜDESB gilt als Teil der Gülen-Bewegung. Gülen ist in Deutschland Ehrenvorsitzender des in Berlin ansässigen Forums für Interkulturellen Dialog.

Die alevitische Menschenrechtsaktivistin Serap Çileli vertritt die Meinung, die Gülen-Bewegung sei eine Glaubensgemeinschaft mit missionarischen Absichten. Gleichgültigkeit und Unwissenheit der Deutschen über die Gülen-Bewegung würden zu fatalen Folgen führen.

Helen Rose Ebaugh von der Universität Houston behauptet in ihrer Untersuchung, dass die Bewegung sich stets von der Politik distanziere und Bildung sowie spirituelle Entwicklung des Individuums in den Vordergrund stelle - sie unterscheide sich von anderen islamischen Bewegungen vor allem durch Befürwortung des humanistischen Weltbildes, der Globalisierung, der freien Marktwirtschaft und der Symbiose von Tradition und Moderne. Ebaugh ist allerdings vorgeworfen worden, dass sie dabei kritische Fragen ausblende. Die New York Times schrieb, Gülens Schulen würden Pakistan einen „sanfteren, moderaten und mit der westlichen Welt koexistenzfähigen Islam“ anbieten. Von der Zeitung wurde Gülen als „Nationalist“ betitelt.

Die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete, dass die Gülen-Bewegung auf das Interesse an Bildung setze. Daher würden gezielt leistungsstarke junge Männer und Frauen angesprochen und zunächst mit Freizeitangeboten geworben. Erst nach einiger Zeit stelle sich heraus, wie das Netzwerk der Cemaat (Gemeinde) funktioniere.

Gülen hat über 60 Bücher zu religiösen, sozialen und politischen Themen veröffentlicht sowie eine Vielzahl von Essays und Gedichten. Viele sind in mehrere Sprachen übersetzt, darunter auch einige ins Deutsche. Hunderte von Reden Gülens sind als Audio- und Videokassetten erhältlich. Gülen schreibt regelmäßig Artikel in seiner Bewegung nahestehenden Zeitungen und Magazinen.

Er lebt seit dem 21. März 1999 im selbstgewählten Exil in Saylorsburg, Pennsylvania, USA. Gülens Bewegung wurde in der Türkei zur Terrororganisation FETÖ erklärt. BND-Präsident Bruno Kahl widersprach dieser Einschätzung und nannte sie eine „zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung“. Ansprechpartner in Deutschland für Werte und Positionen Gülens ist die Stiftung Dialog und Bildung, deren Hauptsitz in Berlin ist.

Leben

1938 (oder 1941). Fethullah Gülen wird in Korucuk, Provinz Erzurum, Türkei geboren.

Gülens Vater lehrt ihn arabisch, seine Mutter Rafia unterrichtet ihn bis zur Grundschule zu Hause. Später wird er in einer religiösen Privatschule in Hasankale unterrichtet.

1958/59. Nach seiner theologischen Ausbildung nimmt er als Angestellter des Diyanet İşleri Başkanlığı bis  in Edirne eine Stelle als Prediger an. Schon in jungen Jahren wird er auch als aktiver Antikommunist bekannt. Er schließt sich der Nurculuk-Bewegung an und leitet den Türkischen Verband für den Kampf gegen den Kommunismus in Erzurum.

1960. Er erlebt den Militärputsch in der Türkei.

Nach dem Ende seines Militärdienstes kehrt er als Prediger nach Edirne zurück.

1966. Gülen wird an die Kestanepazarı-Moschee nach Izmir versetzt. Hier beginnt er Said Nursîs Lehren um sozialkonservative und nationalistische Elemente zu erweitern, dabei greift er vor allem auf die Schriften von Intellektuellen wie Necip Fazıl Kısakürek, Nurettin Topçu und Sezai Karakoç zurück. Auch durch Predigtreisen wächst seine Anhängerschaft in der Folge stark, insbesondere unter Ober- und Hochschülern, die er inhaltlich verstärkt anspricht. So zeigt sich Gülen als eine Art moderner Wanderprediger.

Seine Predigten finden weite Verbreitung durch Audio- und Videokassetten. Gülens religiöse Ansichten bewegen sich nach eigener Aussage im sunnitischen Mainstream, sie tendieren auch zum Sufismus.

1981. Gülen beendet seine Predigertätigkeit im Staatsdienst, um sich ganz der neuen Bewegung zu widmen.

Späte 1980er Jahre. Durch Öffentlichkeitsarbeit und gute Beziehungen zur Regierung von Turgut Özal, der aufgrund seiner neoliberalen Orientierung den Bau von privaten Bildungseinrichtungen und Medienunternehmen Gülens (Zeitschrift, Zeitung, Nachrichtenagentur, Fernsehsender) seit 1982 unterstützt, erreicht er eine weite Öffentlichkeit. Seine Predigten werden landesweit als Video verbreitet.

1996. Als die islamistische Partei Necmettin Erbakans an die Macht gelangt, hält sich Gülen von dieser Partei und ihren Thesen eines islamischen Staates fern. Dafür hebt er hervor, dass er den laizistischen Staat respektiere, und erlangt damit das Wohlwollen führender türkischer Politiker wie z. B. des laizistischen Links-Politikers Bülent Ecevit, der sich als Erz-Laizist versteht.

1997. Gülens Hizmet-Bewegung knüpft Kontakte zu Hansjörg Bitterlich, dem Sohn der Gründerin des römisch-katholischen Engelwerkes. Gülen setzt sich für die Förderung der Bildung ein und gründet mehrere hundert Privatschulen und Studentenheime in den Turkstaaten der ehemaligen Sowjetunion und später weltweit, so in Pakistan und Malaysia. Damit schafft er für seine Ideen eine breite Öffentlichkeit.

1998. Nach dem Verbot der Refah Partisi Erbakans, ereignet sich im Rahmen einer Untersuchung der angeblichen Unterwanderung des Militärs durch Islamisten ein Skandal um eine zusammengeschnittene Rede Gülens, die – anscheinend mit versteckter Kamera gefilmt – 1999 im Fernsehkanal ATV ausgestrahlt wird und in der er Anhänger auffordert, geduldig zu arbeiten, um die Kontrolle im Staat zu übernehmen:

„Man muss die Stellen im Justiz- und Innenministerium, die man in seine Hand bekommen hat, erweitern. Diese Einheiten sind unsere Garantie für die Zukunft. Die Gemeindemitglieder sollten sich jedoch nicht mit Ämtern wie zum Beispiel denen der Richter oder Landräte begnügen, sondern versuchen, die oberen Organe des Staates zu erreichen. Ohne Euch bemerkbar zu machen, müsst Ihr immer weiter vorangehen und die entscheidenden Stellen des Systems entdecken. Ihr dürft in einem gewissen Grad mit den politischen Machthabern und mit denjenigen Menschen, die hundertprozentig gegen uns sind, nicht in einen offenen Dialog eintreten, aber ihr dürft sie auch nicht bekämpfen. Wenn sich unsere Freunde zu früh zu erkennen geben, wird die Welt ihre Köpfe zerquetschen, und die Muslime werden dann Ähnliches wie in Algerien erleben. Die Welt hat große Angst vor der islamischen Entwicklung. Diejenigen von uns, die sich in diesem Dienst befinden, müssen sich so wie ein Diplomat verhalten, als ob sie die ganze Welt regieren würden, und zwar so lange, bis Ihr diese Macht erreicht habt, die Ihr dann auch in der Lage seid, mit eigenen Kräften auszufüllen, bis Ihr im Rahmen des türkischen Staatsaufbaus die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen an Euch gerissen habt.“

Kurz vor der Fernsehausstrahlung reist Gülen angeblich aus gesundheitlichen Gründen in die USA. Vermutlich möchte er sich seiner bevorstehenden Verhaftung und einem im Jahr 2000 eingeleiteten Gerichtsverfahren wegen sogenannten Republikverrats durch Abwesenheit entziehen.

2003. Der Prozess gegen Gülen wird ausgesetzt.

2004. Rainer Hermann von der FAZ nennt Fethullah Gülen „Stimme der Vernunft“.

2006. Gülen erwirkt in Abwesenheit aufgrund geänderter Gesetzeslage seinen Freispruch.

2008. Die Soziologin Helen Rose Ebaugh vermutet, dass in der Türkei 10–15 % der Bevölkerung eine Nähe zur Gülen-Bewegung empfinden. Ebaugh zufolge existieren etwa 1000 Schulen in über 100 Ländern. Möglicherweise hat er weltweit zwischen acht und zehn Millionen Sympathisanten.

Juni 2008. Der U.S. District Court for the Eastern District of Pennsylvania - Gülens Wohnort - lehnt eine Klage Gülens gegen die Nichtgewährung seines Green-Card-Antrages ab. Gülen legt Widerspruch ein, woraufhin das Verfahren – möglicherweise mit Unterstützung von FBI und CIA – wieder aufgenommen wird.

10. Oktober 2008. Gülen erhält seine Green Card. Er lebt dort mit rund 100 Anhängern.

Juli 2008. „Die Verhaftungen mehrerer pensionierter kemalistischer Generäle als vermeintliche Putschisten in der Türkei Anfang gehen, so vermuten Insider in Ankara, auch auf die Fethullahcis, die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen, zurück. Sie haben inzwischen hohe Positionen, nicht nur in der AKP, sondern auch im Staatsapparat und der Polizei.“ Auch einem Bericht der offiziellen Forschungseinrichtung des Kongresses der Vereinigten Staaten zufolge vermuten manche Kritiker, dass die Gülen-Bewegung hinter den Ergenekon-Ermittlungen und anderen Verfahren gegen das Militär steht, um Rache für Gülens vergangene Verurteilung zu üben.

Oktober 2008. Seine drei Hauptanliegen seien Bildung, Dialog und Medien, so schreibt der FAZ-Redakteur Rainer Hermann. Die Ideologie einer gebildeten und mit dem Westen konformen Gesellschaft scheint auch im Westen viel Sympathie zu erwecken, jedoch erschreckt die weite Ausbreitung der Bewegung Kritiker. Herrmann fasst weiter zusammen:

„Dennoch trauen die ‚säkularen‘ Kemalisten im Staatsapparat und ihre Freunde im Ausland dem Prediger und dessen Bewegung nicht. Gülen akzeptiert nicht, dass es einen Konflikt zwischen Moderne und Religion gibt, den die ‚säkularen‘ Hardliner konstruieren. Sie kommen zu der Prognose, dass Religion in der Moderne verkümmere. Gülen sieht hingegen gerade in der Moderne einen Bedarf an Religion und metaphysischen Werten. Das macht ihn in der Türkei zum Staatsfeind. Die Berliner Publizistin Necla Kelek unterstellt ihm sogar eine ‚zutiefst reaktionäre Denkweise‘. Dabei benutzen das kemalistische Establishment und dessen Freunde im Ausland das Argument, alles, was der Islam jenseits der Theologie hervorbringe, müsse politisch sein. Damit mache sich der Islam zu einem Gegenmodell für die politische und gesellschaftliche Ordnung des modernen Westens. Neben dem politischen Islam, wie er in weiten Teilen der arabischen Staaten besteht, gab es in der islamischen Welt jedoch stets gesellschaftliche Bewegungen, die den Menschen im Auge haben, nicht die politische Ordnung. In dieser Tradition stehen Gülen und seine Bewegung.“

2010. Die FAZ stellt die „ethnische Nische“, die die türkischen Gülen-Schulen bieten, kritisch dar. Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hält die Bewegung für gefährlich, weil sie „unfassbar“ sei: „Unter dem pseudo-modernistischen Lack steckt eine islamistische Auffassung“. Die Sozialwissenschaftlerin und Islamkritikerin Necla Kelek kritisiert, dass Gülen ein weltweites Netz muslimischer Intelligenz heranbilde, das einen machtbewussten islamischen Chauvinismus fördere. Sie schreibt dazu: „Nach außen hin vertritt er (Gülen) eine Art Islam light, nach innen propagiert er einen machtbewussten islamischen Chauvinismus.“ Sie nennt seine Bewegung eine „Sekte mit Konzernstruktur“.

3. März 2011. Ahmet Şık und andere Journalisten werden im Rahmen der Ergenekon-Ermittlungen festgenommen. Dabei hat Şık selbst zusammen mit Kollegen im Wochenmagazin „Nokta“ 2007 die Putschpläne eines inzwischen im Ergenekon-Prozess angeklagten Admirals enthüllt. Viel wahrscheinlicher ist deshalb, dass Şıks Verhaftung im Zusammenhang mit seinem Buch Die Armee des Imam steht, das kurz vor der Veröffentlichung steht. Darin stellt er seine Recherchen über Gülen und dessen Bewegung dar. In dem bei seiner Verhaftung beschlagnahmten Buch, das später nicht nur verboten wird, sondern dessen Besitz schon unter Strafandrohung steht, berichtet Şık über die Unterwanderung der türkischen Polizei und Justiz durch die Gülen-Bewegung, die dadurch einen „Staat im Staat“ errichtet habe.

2012. Die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke stellt eine Kleine Anfrage. Sie fragt darin die Bundesregierung, ob die Gülen-Bewegung vom Bundesamt für Verfassungsschutz überwacht wird. Die Bundesregierung verneint dies.

Mitte Dezember 2013. In der Türkei beginnt ein Korruptionsskandal. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan tauscht zahlreiche Minister des Kabinett Erdoğan III aus. Erdoğan wirft mehrfach der Gülen-Bewegung Umsturzversuche vor und behauptet, die Bewegung betreibe einen „Tiefen Staat“. Die türkische Regierung geht mit Festnahmen, Massenversetzungen und Entlassungen im Justiz- und Polizeiapparat vor und lässt Gülen-Anhänger aus staatlichen Institutionen entfernen. Erdogan wirft Gülen vor, einen "Parallelstaat" innerhalb der türkischen Verwaltung zu errichten und einen Putsch zu betreiben.

2014. Michael T. Flynn wird als Direktor des US-amerkanischen Militärnachrichtendienstes Defense Intelligence Agency (DIA) gefeuert. Danach gründet er eine Beratungsfirma die Lobbyarbeit für die Türkei verrichtet. Später fordert Flynn, der türkische Prediger Fethullah Gülen müsse an die Türkei ausgeliefert werden.

Februar 2014. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im baden-württembergischen Landtag, Peter Hauk, verlangt Einsicht in interne Berichte des Landesverfassungsschutzes, in denen der Gülen-Bewegung vorgeworfen wird, teilweise im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stehen. Auch der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD) fordert in einem Brief an den Bundesinnenminister die intensive, landesweite Prüfung der Gülen-Bewegung durch den Verfassungsschutz und die Befassung der Innenministerkonferenz mit dem Thema. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes Bruno Kahl widerspricht der von der Türkei propagierten Aussage, die Gülen-Bewegung sei eine islamisch-extremistische oder gar terroristische Bewegung: "Die Gülen-Bewegung ist eine zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung." 

Februar 2015. Ein Istanbuler Gericht erlässt einen neuen Haftbefehl gegen Fethullah Gülen. Ihm wird die "Gründung und Führung einer bewaffneten Terrororganisation" vorgeworfen.

Juni 2015. Die geplante Schließung der Gülen-Schulen, um der Bewegung die Haupteinnahmequelle zu entziehen, wird vom Verfassungsgericht gestoppt.

15. Juli 2016. Am Abend kommt es in der Türkei zu einem Putschversuch von Teilen des Militärs. Der Putschversuch hat jedoch keinen Rückhalt in der Bevölkerung und auch nicht bei der politischen Opposition und nur wenig Unterstützung im Militär. In den Vorjahren des Putschversuchs wurde bereits die Position des Militärs geschwächt, es kam zur Zerschlagung des Ergenekon-Netzwerks, zum Balyoz-Prozess und die zivile Kontrolle über das Militär wurde verstärkt.

16. Juli 2016. Recep Tayyip Erdoğan wirft Gülen vor, für den gescheiterten Putschversuch  am Tag zuvor verantwortlich zu sein, was von Gülen bestritten wird. Er kritisiert den Staatsstreich. Die Türkei verlangt von den USA seine Auslieferung. Gülen selbst bestreitet in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit etwas mit dem Putsch zu tun zu haben, der die Prinzipien seiner Hizmet-Bewegung verrate. Er schlägt vor, die Ereignisse von einer unabhängigen Kommission internationaler Experten untersuchen zu lassen, der er sich zu stellen bereit sei. Seiner Überzeugung nach stecke vielmehr Präsident Erdoğan selbst hinter dem Putsch, der ihn ja am 16. Juli 2016 als „Gottesgeschenk“ bezeichnet.

24. Juli 2016. Die Säuberungswelle in der Türkei läuft weiter. Zwischenzeitlich sollen 13.000 Verdächtige festgenommen worden sein. Von Erdogan wurde die Schließung von 2341 Einrichtungen im Land angeordnet. Darunter Schulen sowie gemeinnützige, gewerkschaftliche und medizinische Institutionen. 37 500 Polizisten und zivile Angestellte wurden bisher entlassen, darunter viele Mitarbeiter des Bildungsministeriums. 21 000 Lehrern wurde die Arbeitserlaubnis entzogen. 600 weitere Schulen sollen geschlossen werden. Nach Angaben türkischer Regierungsvertreter haben alle von der Schließung betroffenen Einrichtungen Verbindungen zur Gülen-Bewegung

Mitte November 2016. Michael T. Flynn schreibt kurz nachdem Donald Trump die Präsidentenwahl gewonnen hat in einem Gastbeitrag für das Magazin „The Hill“, die USA müssten begreifen, dass die Türkei als Partner unverzichtbar sei. Der türkische Prediger Fethullah Gülen sei "ein zwielichtiger islamischer Mullah, der in Pennsylvania residiert". Eine neue Diskussion um die Auslieferung Gülens entbrennt. Einige Tage danach findet die "New York Times" heraus, dass Flynns Beratungsfirma als Lobbyorganisation für die türkische Regierung in Erscheinung getreten ist.

Dezember 2016. Michael Flynn (Designierter Sicherheitsberater von Donald Trump) trifft sich laut einem Bericht des Wall Street Journal mit Vertretern der der türkischen Regierung. Flynn und seinem Sohn werden demnach bei dem Treffen bis zu fünfzehn Millionen US-Dollar (12,9 Millionen Euro) angeboten, um Gülen gewaltsam mit einem Privatflugzeug zu entführen und in die Türkei auf die Gefängnisinsel İmralı zu bringen. Es gebe aber keine Hinweise, dass die Gelder geflossen seien. Flynns Anwalt Robert Kelner nennt die Vorwürfe empörend und vorverurteilend: "Sie sind falsch."

Später ist dies auch Gegenstand der Untersuchungen von FBI-Sonderermittler Robert Mueller im Zuge der möglichen Verbindungen von Trumps Wahlkampagne mit russischen Geheimdiensten.

7. Februar 2017. Donald Trump (Präsident der USA) telefoniert mit dem türkischen Präsidenten  Recep Tayyip Erdoğan. Er lobt in dem Gespräch die Türkei ausdrücklich für den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und bietet ihm eine enge Zusammenarbeit an. Die Türkei sei ein strategischer Partner und Nato-Verbündeter, der auf die Unterstützung durch die USA zählen könne.

Erdogan bringt offenbar zum Ausdruck, dass er von den USA Unterstützung im Kampf gegen die Gülen-Bewegung erwarte. Zudem betont er, dass die Türkei gegen die Unterstützung der USA für die Kurdenmilizen der YPG sei, die sich mit arabischen Einheiten zu den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) zusammenschlossen haben und in Syrien gegen den IS kämpfen.

27. Februar 2017. Ein Richter ordnet Untersuchungshaft gegen den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel an. Ihm werden „Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung“ vorgeworfen. Begründet wird dies unter anderem mit einem von Yücel im Herbst 2015 geführten Interview mit dem PKK-Kommandanten Cemil Bayık sowie einem Artikel, in dem er die Verantwortung der Gülen-Bewegung an dem Putschversuch vom Juli 2016 in Frage stellt. Yücel befindet sich im größten Gefängnis der Türkei, im Gefängnis Silivri in Untersuchungshaft.

7. März 2017. US-Amerikaner müssen dem Ministerium melden, wenn sie Lobbyarbeit für eine ausländische Regierung betreiben. Ex-Sicherheitsberater Michael T. Flynn  registriert sich deshalb beim Justizministerium nachträglich als ausländischer Auftragnehmer. Dadurch wird bekannt, dass er im Jahr 2016 mit seiner Firma die in den Niederlanden ansässige Firma Inovo BV beraten hat. Diese Firma gehört einen türkischen Geschäftsmann mit Verbindungen zu Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Flynns Arbeit drehte sich um den türkischen Prediger Fethullah Gülen, der von Erdogan als Staatsfeind Nummer eins betrachtet wird und in den Vereinigten Staaten lebt. Flynn bekam dafür 530.000 US-Dollar (rund 502.775 Euro), wie aus den Papieren des Justizministeriums hervorgeht.

August 2017. In der Türkei wird ein neues Dekret veröffentlicht, das Präsident Erdogan das Recht gibt, verurteilte Ausländer gegen Türken im Ausland auszutauschen, wenn dies "notwendig für die nationale Sicherheit oder im Interesse des Landes" ist.

28. September 2017. Recep Tayyip Erdoğan möchte den in der Türkei inhaftierten US-Pastor Andrew Brunson gegen Gülen austauschen. Andrew Brunson betrieb mit seiner Ehefrau Norine eine evangelikale Kirche in der westtürkischen Küstenstadt Izmir, als sie im Oktober 2016 unter dem Verdacht festgenommen wurden, die "nationale Sicherheit" gefährdet zu haben. Während Norine Brunson kurze Zeit später freikam, wurde ihr Ehemann unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung inhaftiert. Die USA forderten wiederholt seine Freilassung.

11. Oktober 2017. Ahmet Şık ist Preisträger des diesjährigen Raif-Badawi-Awards. Er sitzt aufgrund seiner kritischen Berichterstattung derzeit in der Türkei in Haft. Er soll Propaganda für die Gülen-Bewegung betrieben haben. Dabei kritisiert er in seinem Buch „Die Armee des Imam“, dass die sogenannte „Hizmet“-Bewegung von Fethullah Gülen den Polizeiapparat und die türkische Justiz massiv infiltriert habe. In der Türkei sitzen derzeit 150 Medienschaffende im Gefängnis.

Bilder aus Wikimedia Commons
Fethullah Gülen, Lizenz: Public Domain, Urheber: Voice of America (VOA)

Quellen