Donnerstag, 24. Mai 2018

Republik Freies Wendland

Wappen der Republik Freies Wendland
Die Republik Freies Wendland (auch Freie Republik Wendland) wurde am 3. Mai 1980 durch eine Initiative der Anti-Atomkraft-Bewegung in der Nähe des geplanten Atommüllagers bei Gorleben im Wendland (in Niedersachsen) ausgerufen. Sie bestand einen Monat lang als Hüttendorf auf einer Waldlichtung im Bereich der geplanten Tiefbohrstelle 1004 und wurde am 4. Juni 1980 von Polizei und Bundesgrenzschutz geräumt.

Geschichte

1975. Durch einen Brand in der Lüneburger Heide entsteht eine Waldlichtung, die aus sandigem Boden und verbrannten Baumresten besteht. 

Ab 1979. Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt läßt bei Gorleben Bohrungen durchführen, um den Salzstock auf seine Eignung zur Einlagerung von radioaktivem Abfall zu untersuchen. Dagegen führen örtliche Atomkraftgegner kleinere, aber erfolglose Besetzungsaktionen an den Tiefbohrstellen 1002 und 1003 durch. In der Folge legen sie sich einen Plan für eine größere Besetzung unter Beteiligung von auswärtigen Atomkraftgegnern zurecht. 

3. Mai 1980. Unter dem Motto Kampftag der Wenden findet bei Gorleben eine Demo statt. Die an der Demonstration rund 5000 beteiligten Atomkraftgegner ziehen zum Gelände der geplanten Tiefbohrstelle 1004 in einem weitläufigen Kiefernwaldgebiet zwischen den Dörfern Gorleben und Trebel. Das Gelände der Tiefbohrstelle 1004 liegt nahe einem Waldweg mit der Bezeichnung Mastenweg. Dort besetzen sie das Gelände, um gegen weitere Tiefbohrungen für den Bau des Atommülllager Gorleben zu protestieren. Mit der Besetzung ruft das sogenannte „Untergrundamt Gorleben-Soll-leben“ aus den Kreisen von Atomkraftgegnern die Republik Freies Wendland als eigenen Staat aus. Der niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff spricht im Zusammenhang mit der Ausrufung von Hochverrat.
Die Besetzer errichten daraufhin auf der 1975 entstandenen Lichtung unweit der geplanten Tiefbohrstelle innerhalb der folgenden Tage ein provisorisches Hüttendorf mit insgesamt 110 Hütten aus Holz und Lehm. Unter den Bauten finden sich zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen, wie das 100 Personen fassende achteckige Freundschaftshaus, Gewächshäuser, Krankenstation, Frisiersalon und Mülldeponie. An Sanitäreinrichtungen gibt eine Sauna und Badehütten. Wasser wird durch einen Windrad-betriebenen Tiefbrunnen gefördert und mit einer Solar-Warmwasseranlage erwärmt.
Am Zufahrtsweg zur sogenannten Republik wird ein Grenzübergang mit Schlagbaum angelegt, über dem Flaggen mit dem Wendenwappen und der Anti-AKW-Sonne angebracht sind. Gegen eine Gebühr von 10 DM wird im nebengelegenen Informationshaus ein sogenannter Wendenpass ausgestellt und mit einem Einreisestempel versehen. Der Pass ist nach eigenen Worten der Besetzer gültig „für das gesamte Universum [...] so lange sein Inhaber noch lachen kann.“
Die etwa 1000 ständigen Besetzer organisieren während der 33-tägigen Besetzungsdauer ihr Gemeinschaftsleben auf basisdemokratischer Grundlage. Sie bilden einen Sprecherrat und treffen Entscheidungen in regelmäßig stattfindenden Plena. Bezüglich einer möglichen Räumung durch die Polizei besteht weitgehend Konsens über passiven Widerstand. Allerdings widersprechen dem einige militantere Besetzer. An den Wochenenden kommen jeweils mehrere Tausend Sympathisanten und Schaulustige auf das besetzte Gelände. Darunter sind auch Prominente, wie der Vorsitzende der Jusos Gerhard Schröder. Andere bekannte Besucher und Bewohner sind der Widerstandskämpfer Heinz Brandt, die Liedermacher Walter Mossmann und Wolf Biermann, der Fotograf Günter Zint und der SPD-Politiker Jo Leinen sowie der Schriftsteller Klaus Schlesinger.
Begleitet ist die Besetzung von zahlreichen Veranstaltungen. Sie finden in dem großen Freundschaftshaus oder auf dafür eingerichteten Bühnen statt. Es werden Vorträge, Diskussionsrunden, Lesungen, Rockkonzerte oder auch Puppentheatervorstellungen angeboten. Von Anwohnern aus der Region erhalten die Besetzer tatkräftige Unterstützung. Sie werden mit Bauholz sowie Lebensmitteln versorgt.
Eine kleine Gruppe von etwa 30-50 Besetzern errichtet im Bremer Stadtteil Mitte zunächst ein Zeltlager und später auf dem Präsident-Kennedy-Platz eine feste Hütte aus Holzstämmen mit Grasdach. Mit der Stadt Bremen wird ein Duldungsvertrag ausgehandelt, so dass die Gruppe dort etwa ein Jahr bleiben kann. Nach Räumung auch dieses Lager bleibt die Hütte noch eine Zeitlang als Erinnerung an die „Republik Freies Wendland“ bestehen.

18. Mai 1980. Auf einem Turm des besetzten Geländes geht der Piratensender Radio Freies Wendland auf Sendung.

4. Juni 1980. Das Gelände wird auf Anordnung der von Helmut Schmidt geführten Bundesregierung durch die niedersächsische Polizei und den Bundesgrenzschutz geräumt. Etwa 3500 Beamte nehmen laut Mitteilung des Niedersächsischen Innenministeriums an dem Einsatz teil. Rechtsgrundlage für die Räumung sind Verstöße der Besetzer gegen verschiedene Nebengesetze, wie das Landeswaldgesetz, die Bauordnung, das Feld- und Forstordnungsgesetz und das Meldegesetz. Die zu diesem Zeitpunkt anwesenden etwa 2000 Besetzer haben sich auf dem Dorfplatz zu einer Sitzblockade versammelt. Die Räumung, bei der viele der Besetzer von Polizeibeamten weggetragen werden, geht weitgehend friedlich vonstatten. Der Piratensender Radio Freies Wendland berichtet von einem Turm des Geländes den ganzen Tag über die Räumung. Nach deren Abschluss dankt die Polizei den Demonstranten über eine Lautsprecherdurchsage für die Gewaltlosigkeit.

2006. Eine fünfseitige Bekanntmachung der Republik Freies Wendland gegen Atomwirtschaft und Polizeiwillkür wird als Anzeige in einem Lokalblatt veröffentlicht. Nach wie vor ist das grüne Wappen, vor allem im Wendland, ein Symbol der Anti-Atomkraftbewegung. Es kann als Flagge an vielen Orten erworben werden. Der Wendenpass mit Stempel wird in einigen Protestcamps gelegentlich angeboten.

4. bis 6. Juni 2010. Zum 30. Jahrestag der Räumung kommt es vom  zu einem Gedenk- und Protestwochenende an den Atomanlagen bei Gorleben, an denen sich etwa 800 Menschen beteiligen. Dabei errichten Angehörige der Bäuerlichen Notgemeinschaft im Wald eine „Schutzhütte“, mit der sie an das Hüttendorf der Republik Freies Wendland erinnern.

17. bis 26. September 2010. In Anlehnung an den 30. Jahrestag der Räumung initiiert der Regisseur Florian Fiedler mit dem Schauspielhaus Hannover das Theaterprojekt Republik Freies Wendland – Reaktiviert. Dazu bauen etwa 50 Schüler, vor allem der IGS Roderbruch, und 25 Erwachsene auf dem Ballhofplatz in Hannover ein Hüttendorf nach dem Vorbild von 1980 auf. Vor Ort finden Theateraufführungen, wie etwa Figurentheater vom Bread and Puppet Theater, Konzerte, Vorträge und Diskussionen zum Thema Atomkraft, statt. Den Auftakt macht die Band Ton Steine Scherben, die Abschlussdiskussion führt der Soziologe Oskar Negt. Größere mediale Beachtung bekommt dieses Projekt durch einen Tortenwurf auf den Grünen-Politiker Jürgen Trittin während einer Podiumsdiskussion. Nach neun Tagen wird das Dorf wieder abgebaut. Zwei Holzhütten kommen ins Wendland, um Atomkraftgegnern Unterschlupf zu bieten.

Anfang 2015. Die Bürgermeisterin von Dannenberg (Elbe), Elke Mundhenk, stellt für den US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden einen „Wendenpass“ der Republik Freies Wendland aus und überreicht ihn dem Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz. Er gehört dem NSA-Untersuchungsausschuss an und setzt sich für die Gewährung von Asyl für Snowden in Deutschland ein.

2016. Das Gorleben-Archiv, das die Geschichte des Protests gegen das Atommülllager im Wendland dokumentiert, kündigt archäologische Ausgrabungen auf dem Gelände des früheren Protestdorfes der „Republik Freies Wendland“ an. Die Untersuchungen gelten Hinterlassenschaften der Besetzer von 1980, wie Reste von Hütten, Plakate und persönliche Gegenstände. Für diese Art der zeitgeschichtlichen Archäologie habe die Universität Hamburg ein dreijähriges Stipendium gewährt.

Bilder aus Wikimedia Commons
Wappen der Republik Freies Wendland, Lizenz: Public Domain, Urheber: Rfw.png: Karlklaus
derivative work: Fatelessfear

Quellen