Montag, 20. August 2018

Atomprogramm des Irak

Baghdad Nuclear Research Facility
Der Irak hatte von 1975 bis 1991 ein Atomprogramm. Laut Mohammed el-Baradei (Ex-Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO)) gilt ein Atomwaffenprogramm als unwahrscheinlich.

Geschichte

1959. Der Irak wird Mitglied der IAEO.

1968. In Tuwaitha wird ein russischer Forschungsreaktor mit 2 MW (IRT-2000) in Betrieb genommen.

1. Juli 1968. Der Irak unterzeichnet den Atomwaffensperrvertrag.

29. Oktober 1969. Der Irak ratifiziert den Atomwaffensperrvertrag.

Dezember 1974. Jacques Chirac (Premierminister von Frankreich) stattet Saddam Hussein einen Besuch ab. Dabei wird ihm vom Irak offenbar eine Anfrage für einen UNGG-Reaktor unterbreitet.

18. November 1975. Mit der Unterzeichnung des französisch-irakischen Atomabkommens und dem Kauf von zwei französischen Reaktoren beginnt das irakische Atomprogramm. Leiter des irakischen Atomprogramms wird Dr. Jaffar Dhia Jaffar. Jacques Chirac unterstützt französische Firmen nicht nur bei der Errichtung des Reaktors, sondern ermöglicht 1978 auch den Verkauf von 12,5 kg Uran-235 als Brennstoff an die irakische Regierung.

Ab 1976. Der 40-MW-Leichtwasserreaktor "Tammuz-1" wird nach französischen Design im Atomforschungszentrum Al Tuwaitha am Tigris (etwa 18 km außerhalb von Bagdad) gebaut. Er soll 1981 in Betrieb gehen. Ein weiterer, kleinerer Versuchsreaktor "Tammuz-2" mit 600 kWth soll ebenfalls erreichtet werden.
Im Westen wird die Bezeichnung Osirak für die beiden irakischen Atomreaktoren verwendet. Es ist ein Kunstwort aus den Begriffen Osiris und Irak. Im Irak wurde er unter Bezugnahme auf den arabischen Monat, an dem sich die Baath-Partei im Juli 1968 an die Macht geputscht hatte, als Tammus 17 bezeichnet, diese Bezeichnung ist auch in Israel üblich.
Es wird vermutet, dass der Reaktor ein Teil des irakischen Programmes war, eine Atombombe zu entwickeln. Außerdem besaß der Irak Anlagen zur Anreicherung von waffenfähigem Uran und hatte auch früher versucht, Atomtechnologie aus dem Ausland zu kaufen, die unter anderem der Anreicherung dienten. Gegen den Verdacht sprechen aber auch einige Fakten, unter anderem wurde der Reaktor von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) kontrolliert und das Uran sollte nach Gebrauch wieder an Frankreich zurückgegeben werden.

1977. Menachem Begin wird Regierungschef von Israel. Er macht in seinem Kabinett klar, dass dass er es nicht tatenlos hinzunehmen gedenkt, wenn sich ein weiterer Staat in der Region – Israel selbst ist seit den 60er-Jahren Atommacht – Atomwaffen zulegt. Schon gar nicht, wenn es um einen geht, dessen Führer Israel ausradieren will wie Saddam Hussein. Die Baustelle in Osirak ist für Begin ein besonderer Dorn im Auge. Er bemüht sich daher zunächst in Paris erfolglos um einen Baustopp. Der Reaktor Tammuz-1 soll in der Lage sein, langfristig Plutonium zu erzeugen.

1978. Der Forschungsreaktor von Tuwaitha wird auf 5 MW (IRT-5000) aufgerüstet.

6. April 1979. Drei Tage vor der geplanten Verschiffung von Frankreich in den Irak werden die Sicherheitsbehälter für die beiden geplanten Versuchsreaktoren in La Seyne-sur-Mer in den Hallen der CNIM durch Sabotage beschädigt. Die entstandenen Haarrisse soll der Irak akzeptieren oder 6 Monate auf neue Behälter warten. Als Urheber der Sabotage wird der israelische Geheimdienst Mossad vermutet.

1980 bis 1988. Der Irak feuert im Golfkrieg (“Krieg der Städte“) zwischen Iran und Irak etwa 428 Kurz- bzw. Mittelstreckenraketen auf den Irak. Das kostet einige tausend Menschen das Leben und verwundet mehr als 10.000 Menschen.

Februar 1980. Die israelische Luftwaffe beginnt mit ersten Planungen zu einem Angriff auf den im Bau befindlichen Reaktor Tammuz-1. Problematisch ist jedoch die große Entfernung sowie der Überflug über verschiedene (feindliche) Länder. Vorgesehen, im ersten Entwurf, ist der Angriff mit Douglas A-4-Flugzeugen, die in der Luft von C-130 betankt werden sollten.

14. Juni 1980. Frankreich liefert dem Irak 12,5 kg hochangereichertes Uran (93%). Insgesamt kommen aus Russland und Frankreich 50 kg. Von Italien werden 1767 kg niedrig angereichertes Uran geliefert.

Juli 1980. Die israelische Luftwaffe bekommt F-16-Flugzeuge, eine Bestellung, die ursprünglich von den USA für die Iranische Luftwaffe vorgesehen und aufgrund der Islamischen Revolution annulliert worden waren. Nun wurde mit diesen Flugzeuge die Vorbereitungen - Zusatztanks sowie Zielanflüge - durchgeführt.

30. Oktober 1980. Der im Bau befindliche Reaktor Tammuz-1 ist zu Beginn des Ersten Golfkriegs Ziel der Iranischen Luftwaffe innerhalb der "Operation Scorch Sword" (Brennendes Schwert). Der Angriff verläuft jedoch erfolglos. Es ist der erste militärische Angriff auf ein Atomkraftwerk.
Vier McDonnell F-4, die vor der irakischen Grenze in der Luft betankt wurden, unterflogen die irakische Radarkontrolle um den Formationsflug vor dem Ziel aufzulösen. Zwei iranische F-4 beschädigten durch Bomben Teile der Anlage, dabei sollen zwei Bomben die Kuppel des Reaktors getroffen und die Kühlung der Anlage beschädigt haben. Ein iranischer Pilot wird mit den Worten zitiert: „bei den geringen Schäden hätte man auch einen Sack Steine auf die Iraker werfen können“.
In Israels Negev-Wüste wurde unterdessen in Originalgröße in Modell des Atomreaktors von Osirak aufgebaut. An diesem proben die Piloten der Kampfjets intensiv den Angriff. Die letzten Flugmanöver am Zielort werden eine dramatische Herausforderung, an der die Piloten des Iran gescheitert waren.

1981 bis 1982. Verschiedene Länder liefern hunderte von Tonnen an niedrig angereichertem Uran und Yellowcake in den Irak: Portugal 286 Tonnen Uran, Niger 276 Tonnen Yellowcake, Brasilien 24 Tonnen Urandioxid.

Mai 1981. Frankreich wählt François Mitterand zum Präsidenten und Begin findet bei ihm Gehör. Mitterand fehlt jedoch die Macht gegen den Kraftwerksexport vorzugehen.
Zwischenzeitlich hat jedoch Begins "Operation Babylon" (der Geheimcode der Aktion gegen Osirak) inzwischen eine nicht mehr zu stoppende Eigendynamik erlangt. Begin muss sich im Herbst 1981 zur Wahl stellen. Ihm wird später unterstellt, dass er sich durch einen Schlag gegen den Israelfeind Saddam Hussein Stimmen erhoffte. Andere sind der Meinung, dass er deshalb noch vor der Wahl zuschlagen wollte, weil er seinem möglichen Nachfolger Schimon Peres dies nicht mehr zugetraut hätte. Laut dem israelischen Geheimdienst Mossad sollte Osirak auch im Juni mit Spaltmaterial beschickt werden. Danach wäre ein Luftschlag mit unermesslichen Risiken für die ganze Region verbunden gewesen. Die Modernisierung ihrer Luftwaffe hatte die Regierung Begin den halben Verteidigungsetat gekostet, auch angesichts dessen stünde ihr nun ein spektakulärer Coup gut zu Gesicht.

Sonntag, 7. Juni 1981, 15 Uhr 55. Acht F-16-Jagdbomber und als Jagdschutz sechs F-15 der israelischen Luftwaffe starten zur "Operation Opera" vom Stützpunkt Etzion auf dem Sinai. Ziel ist der noch nicht mit Atombrennstoff bestückte Reaktor Tammuz-1 weil damit nach Ansicht von Geheimdiensten genug Plutonium für ein mögliches Atomwaffenprogramm hergestellt werden könnte.
Die Maschinen fliegen rund 1.100 km bei einer Flughöhe von 90–150 Metern über jordanisches und saudi-arabisches Grenzgebiet, teilweise so dicht beieinander, dass sie auf dem Radar wie ein Großraumflugzeug wirkten. Die Piloten täuschen den Bordfunkverkehr einer Passagiermaschine vor indem sie Arabisch sprechen.

Sonntag, 7. Juni 1981, ca. 17 Uhr 31. Der Atomreaktor Tammuz-1 wird angegriffen. Erst in den letzten Sekunden tauchen die Flugzeuge aus ihrem geduckten Flug auf und setzen sich den Suchstrahlen aus. Als Erstes steigen die F-15-Jäger die nicht mit Bomben ausgestattet sind auf, um die Flugabwehr zu sondieren. Sie können keine Gefahr entdecken.
Danach müssen die F-16-Bomber auf 2000 Meter aufsteigen, um mit den gewaltigen Mark-84-Bomben mit jeweils 1000 Kilogramm Gewicht operieren zu können weil die Explosionskraft sie sonst selbst zerreisen würde. Die Mark-84-Bombe kann jedoch nur bei einer stark nach unten geneigten Flugzeugnase ausgeklinkt werden, um das nahe Ziel sicher zu trefen. Daher müssen die Piloten, sobald die nötige Höhe erreicht ist, gleich wieder auf Tauchkurs gehen, die Bombe auslösen und sofort wieder Höhe gewinnen, um der Druckwelle auszuweichen.
Jede F-16 wirft 2 Bomben ab. Die ersten Bomben brechen die Reaktorhülle auf, die folgenden dringen ungehindert ins Innere. Kameras in den Jets nehmen die Aktion auf. Bei 16 Abwürfen werden 15 Volltreffer registriert. Die Aktion vor Ort dauert gerade einmal 2 Minuten. Danach gehen die Maschinen, deren Existenz nun bekannt ist, auf große Höhe, um in einer halben Stunde zurückzujagen.
Die zaghafte Flugabwehr, die zu spät einsetzt, schießt ins Leere. Kurze Zeit danach meldet Begin seinem Kabinett den Erfolg. Innenminister Joseph Burg sagt: "Zur Zeit des Angriffs hat Gott sicher Überstunden gemacht." Die Beschickung der Atomanlage mit Spaltmaterial würde nicht mehr stattfinden, so viel ist klar. Laut israelischen Geheimdienstberichten hätten damit bis 1982 etwa 8 Kilogramm Plutonium erzeugt werden und um 1985 eine Plutoniumbombe hergestellt werden können. Dagegen spricht aber die Auslegung des Reaktors mit 25kg hochangereichertem Uran, die bei Vollast nur eine Plutoniummenge im Grammbereich ergeben könnten.
Die Aktion startet an einem Sonntag, um keine französischen Experten zu gefährden. Der Angriff kostet dennoch zehn irakischen Soldaten und einem französischen Atomexperten, Damien Chaussepied das Leben. In seinem Buch Der Mossad berichtet Victor Ostrovsky, er sei ein Mossad-Agent gewesen, der für die israelischen Kampfpiloten einen Zielsender im Osirak angebracht habe. Bestätigt wurde es nie. Auch wäre dann die Frage, warum er die Anlage nicht rechtzeitig verlassen hatte.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilt dieses Vorgehen in der Resolution 487 (1981). Selbst die USA hat der Resolution zugestimmt. Der Westen setzte damals im ersten Golfkrieg auf den Irak mit dem damals noch GUTEN Diktator Saddam Hussein in dessen Kampf gegen das Mullah-Regime in Teheran.

Sonntag, 7. Juni 1981, ca. 18 Uhr 40. Alle israelischen Maschinen landen unversehrt auf dem Stützpunkt Etzion. Die Namen der eingesetzten Piloten blieben mit einer Ausnahme geheim. Als der israelische Astronaut Ilan Ramon 2003 beim Unglück der Raumfähre "Columbia" starb, gab Israel bekannt, dass er damals eine der F-16 gesteuert habe. Er soll später von starker Rauchentwicklung aus dem Reaktorinnern und einer gewaltigen Explosion, die jedoch nicht zum Einsturz des Gebäudes führte berichtet haben.

Ab 1982. Unabhängig der internationalen Verpflichtungen bemüht sich der Irak ohne einen eigenen Atomreaktor die Uran-Anreicherung in den Griff zu bekommen. Dazu wird das Tuwaitha Nuclear Research Center um Anlagen zur Uran-Anreicherung erweitert.

1984. Im sogenannten Projekt 182 wird ein 40 MW Natururanreaktor des Typs CANDU entworfen. Der Entwurf kommt jedoch nie aus dem Planungsstadium hinaus.

Mitte der 1980er Jahre. Die neu gegründete irakische Kriegsindustrieorganisation, die während dem irakisch-iranischen Krieg unter der Leitung von Hussein Kamil (Schwiegersohn von Saddam Hussein) steht, baut eine Raketenfabrik in der Nähe von Bagdad, sowie eine Forschungs- und Entwicklungsanlage in der Nähe von Mosul auf. Etwa 3 Mrd. US-Dollar werden investiert, um diese Fabriken mit westlicher Technologie auszustatten. Die Schweizer Firma Consen koordiniert Teile der Arbeit und bezieht österreichische und westdeutsche Konstruktionsfirmen mit ein. Große Teile der Ausrüstung stammen aus der Bundesrepublik Deutschland und den USA. Ein Teil wurde von italienischen und anderen Banken finanziert.

1987. Sieben westliche Industrienationen (Großbritannien, Kanada, Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Italien, Japan, USA) einigen sich nach mehrjährigen Verhandlungen auf ein informelles Abkommen, das »Missile Technology Control Regime« (MTCR).
Das MTCR-Abkommen wird von verschiedener Seite kritisiert, u.a. weil hiermit die »Raketen-Habenichtse« durch die raketenbesitzenden Länder diskriminiert werden und der Versuch, eine Barriere gegen die Ausbreitung der Raketentechnologie zu errichten, ohnehin zu spät komme. Tatsächlich nimmt nach Verabschiedung des MTCR die Zahl der Raketenschwellenländer erheblich zu.

1985 bis 1988. Der Iran feuert im Golfkrieg (“Krieg der Städte“) zwischen Iran und Irak etwa 455 Kurz- bzw. Mittelstreckenraketen auf den Irak. Das kostet einige tausend Menschen das Leben und verwundet mehr als 10.000 Menschen.

1985 bis 1991. Dem Irak soll in seinen Anlagen in Tuwaitha die ersten Stufen im "Brennstoffkreislauf" erreicht haben. Mittels Gasdiffusionsmethode und Gaszentrifugen wurden bisher offenbar etwa 640 Gramm Uran mit einem Anreicherungsgrad von 7,2% hergestellt.

August 1987. Der Irak kann seine Fortentwicklung der Scud-B-Rakete, die sogenannte Al-Hussein-Rakete testen. Um die Reichweite der Rakete auf etwa 600 km erhöhen zu können, wurde der Rumpf der Rakete verlängert und die Nutzlast von 800 kg auf etwa 190 kg verringert.
Weil bei der Al-Hussein-Rakete das Navigationssystem der sowjetischen Scud-B unverändert übernommen wurde, dürfte die Treffergenauigkeit lediglich im Bereich von 2-3 km liegen (bei derartigen Raketen ist die Zielgenauigkeit etwa der dreihundertste Teil der Reichweite).
Die Nutzlast von etwa 200 kg bedeutet, daß die Al-Hussein zumindest für Uranbomben nicht atomwaffentauglich ist. Für leichtere Atomwaffen, die Plutonium als Spaltstoff und Beryllium als Neutronenreflektor verwenden können, steht die Tauglichkeit zumindest in Frage.

1988. Der Irak testet eine weiter modifizierte Al-Hussein-Rakete, die sogenannte Al-Abbas, die eine Reichweite von etwa 900 km haben soll.
Weil die Weiterentwicklung der Scud-B-Linie wegen ihrer geringen Zielgenauigkeit und Reichweite nur begrenzt möglich ist, bemüht sich der Irak um die Beteiligung an multinationalen Raketenprogrammen der Dritten Welt. Neben dem Condor-Programm verfolgt der Irak das Projekt 395, zunächst mit Unterstützung westeuropäischer Organisationen und Firmen, später alleine. Hierbei handelt es sich offenbar um die Entwicklung der zweistufigen Tammuz-I-Rakete mit einer Reichweite von 2000 km, die wahrscheinlich auf dem Condor-II-Programm basiert. Da der Irak eine Rakete dieser Reichweite weder innerhalb der eigenen Landesgrenzen noch über einem Ozean testen kann, verhandelt er mit Mauretanien über die Bereitstellung einer Startanlage auf deren Gebiet.

1988/89. Die Firma H+H Metalform GmbH aus Drensteinfurt bei Münster soll in den Irak Maschinen geliefert haben, mit denen Gasultrazentrifugen (GUZ) hergestellt werden können. In solchen Anlagen ist die atomwaffenfähige Anreicherung von Uran-235 möglich.
Walter Busse (Ex-Abteilungsleiter der MAN Technologie GmbH) soll ohne Wissen seines Ex-Arbeitgebers ein dichtes Beziehungsnetz zwischen Atomwaffenentwicklern im Irak, Brasilien und deutschen Lieferanten geknüpft haben. MAN Technologie GmbH ist ein Spezialist für Zentrifugentechnik. Die Firma aus München baute 1979 auf dem Gelände der Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau ein Montagewerk für Zentrifugen.
Busse gilt als derjenige, der für H+H die Verbindungen zu den beiden irakischen, mit staatlichen Sondervollmachten ausgestatteten Waffenspezialisten Anees Wadi und Dr. Safa al-Habboby herstellte. In Busses Begleitung bei den Visiten am Tigris war ab und zu Bruno Stemmler (Experte für Rotortechnik) bei der MAN Technologie GmbH. Nach den Erkenntnissen der Fahnder hat Busse den MAN-Fachmann für die Feinarbeiten auf der irakischen Baustelle Tuweitha dringend benötigt. Busse und Stemmler sollen den Produktionsanlauf der H + H-Anlagen in Tuweitha überwacht haben. Hergestellt wurden dort Zentrifugen mit H + H-Drückwalzmaschinen (Baureihe DV 450-40-2100).
Geknüpft wurden die Kontakte offenbar in Brasilien bei der dortigen Rüstungsfirma Avibras. H+H lieferte offenbar auch eine zur Herstellung von Zentrifugen geeigneten Drückwalzmaschine (Preis 1,982 Millionen Mark) nach Sao Paulo. Auftraggeber war die Marinekommission die wiederum zuständig für die brasilianische Urananreicherung ist.

1988/89. Beim Condor II-Programm versuchen Argentinien, Ägypten und der Irak, gemeinsam eine Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von ca. 1000 Kilometern zu entwickeln. Dabei gab es tatkräftige Unterstützung von westdeutschen und italienischen Ingenieuren.

Ballistische Raketen im Irak
Rakete Reichweite (in km) Nutzlast (in kg) Zielgenauigkeit (CEP in Meter) Herkunftsland
FROG-7 70 450 300-700 Sowjetunion
Fahd 240-480 450 NA Irak
Scud-B 300 1000 1000 Sowjetunion
Al Hussein 600 135-250 1500-3000 Irak
Condor 2 800-1000 450 600 Irak/Argent.
Al Abbas 900 500 3000-5000 Irak
Tammuz-1 2000 NA NA Irak

Laut IISS-Military Balance verfügt der Irak nach dem Krieg mit dem Iran, in dem modifizierte Scud-B-Raketen gegen Teheran eingesetzt wurden, noch mehr als 30 FROG-7 und 36 Scud-B Startgeräte. SIPRI gibt 20 Startgeräte mit mehr als 360 Raketen an. Nach jüngsten Informationen soll der Irak sich in diesem Jahr 50 weitere Scud-Raketenwerfer angeschafft haben.

Anfang 1989. Der Irak richtet eine Fabrik zur Produktion von Festtreibstoffen ein sowie eine Fabrik zur Produktion von Einzelkomponenten und einen Raketenteststand. Es ist zu vermuten, daß die Tammuz-Rakete auch Atomwaffen tragen könnte.

1989. Spanien wird Mitglied beim »Missile Technology Control Regime« (MTCR). Die USA führt den »Missile-Technology-Control-Act« ein. dieser verbietet es der US-Regierung bei Firmen einzukaufen, die das Kontrollregime verletzt haben.

April 1990. Saddam Hussein (Diktator des Irak) droht mit dem Einsatz chemischer Waffen gegen Israel.

2. August 1990. Irakische Truppen überfallen und besetzen den Nachbarstaat Kuwait. Die überwältigende Mehrheit der Staaten verurteilt das als völkerrechtswidrigen Akt der Gewalt. Reaktionen reichen von der Wirtschaftsblockade Iraks bis hin zur Entsendung von Truppen in die Golf-Region.

20. September 1990. Nassif Dschassem (Regierungssprecher des Irak) kündigt im Falle eines Angriffs die Zerstörung aller Ölfelder an.

10. Oktober 1990. Laut der Süddeutschen Zeitung droht Saddam Hussein an, eine Rakete mit dem Namen „El Hijara“ (Stein) gegen Israel einzusetzen, „wenn die Zeit der Abrechnung kommt."

19. Januar 1991. Während des Zweiten Golfkriegs wird die komplette Anlage Tuwaitha in der Operation Package Q Strike in mehreren Wellen von 56 F-16 angegriffen und völlig zerstört um die Fortführung eines irakischen Atomprogrammes zu unterbinden. Auch hier wird vermutet dass der Irak hochangereichertes Uran für ein mögliches Atomwaffenprogramm herstellen könnte. Als Beweis werden die Uranlieferungen von 1980 bis 1982 angeführt. Danach wurde das irakische Atomprogramm offensichtlich eingestellt.

20. Januar 1991. Die Anlage wird von F-117 Kampfflugzeugen bombardiert. Bei sieben weiteren Angriffen werden insgesamt 48 F-117 verwendet und später noch einmal 17 F-111.

8. April 1991. Durch die UN-Resolutionen 687 und 715 von 1991 ist der Irak verpflichtet, alle Untersuchungen hinsichtlich des Atomwaffensperrvertrags vornehmen zu lassen. Zu diesem Zweck führt die United Nations Special Commission on Iraq (UNSCOM) daraufhin zahlreiche Inspektionen durch

1991 bis 1994. Von den Inspektoren der IAEO werden 37,5 kg hochangereichertes Uran und 5 Gramm Plutonium in den Versuchsanstalten des Irak gefunden und beschlagnahmt.

1992. Aus den Restbeständen werden 6,6 kg Uran-235 nach Moskau überführt. Der Anreicherungsgrad des Urans bei Leichtwasserreaktoren beträgt 3 bis 4%. Für den Bau einer Atombombe ist typischerweise ein Anreicherungsgrad von über 85% notwendig.

1998. Die UN-Kontrolleure werden unter Spionageverdacht vom Regime in Bagdad des Landes verwiesen.

16. Dezember 1998. Die Inspektoren der Internationalen Atomenergieorganisation werden unter Spionageverdacht vom Regime in Bagdad des Landes verwiesen.

2001. Die IAEO nimmt ihre Kontrolltätigkeit wieder auf. Nach Angaben der IAEO können keine Verstöße der irakischen Regierung gegen die Rüstungsbegrenzungsauflagen festgestellt werden. Weil er der US-Regierung nicht "scharf" genug ist, gibt Staatssekretär Wolfowitz Anfang des Jahres der CIA den Auftrag, Nachforschungen über Hans Blix anzustellen. Es ist unklar ob Blix durch dieses Material erpreßt oder diskreditiert werden sollte. Für den Fall, daß die Inspektoren ihre Kontrolltätigkeit wieder aufnehmen, aber dabei kein irakisches ABC-Programm feststellen können, muß die US-Regierung Vorsorge treffen: Es soll dann nicht heißen, man habe nichs finden können, weil der Irak kein umfassendes Rüstungsprojekt mehr betreibe, sondern daß die Inspektionen einfach zu lasch waren und daher nichts ergeben hätten.

2002. Khidir Hamza (Ex-irakischer Wissenschaftler) löst mit folgender Behauptung geradezu einen Medienhype aus: "Wenn er nicht bald gestoppt wird, wird Sattam nicht nur ein paar Bomben gebaut, sondern eine ganze Atombomben-Industrie aufgebaut haben. David Kay (Chefinspektor der IAEO) fordert, dass Hamzas Buch eine Pflichtlektüre für den nächsten US-amerikanischen Präsidenten werden solle.

Januar 2002. Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) verbreitet im Januar 2002 einen Report, der die Gefährlichkeit des Irak erneut demonstrieren soll. Demnach hat der Irak sein Atomwaffenprojekt fortgeführt. Als Beweis nennt der BND nur die Beobachtung, daß in der Uranerzgrube El Kaim "Instandsetzungsarbeiten" durchgeführt wurden. Darüber hinaus geraten sechs deutsche Unternehmer in Verdacht, das internationale Waffenembargo gegen den Irak verletzt zu haben. Gegen die Beteiligten ist bei der Staatsanwaltschaft in Mannheim ein Ermittlungsverfahren anhängig.
Ein Bericht der britischen Zeitung "Guardian", nach denen Scud-Raketenteile aus Tschechien über den syrischen Hafen Latakia in den Irak gelangt sein sollen, wird von der Regierung in Prag dementiert. Eine Einschätzung der US-Geheimdienste kommt Anfang des Jahres zu dem Ergebnis, sollte der Irak seine Raketenrüstung uneingeschränkt fortsetzen, könnte das Land bis zum Jahre 2015 über Interkontinentalraketen verfügen.
In Rußland kommt man zu einer abgeschwächten Beurteilung. Nach Angaben von Generalmajor a. D. Vladimir Dvorkin könnte der Irak bis zum Jahre 2015 über 8-10 Werferfahrzeuge für Langstreckenraketen auf Basis der argentinischen Condor-II verfügen, die eine Reichweite von 2000 km haben.
Demgegenüber behauptet der frühere CIA-Agent und UNSCOM-Mitarbeiter Scott Ritter, daß vom Irak heutzutage keine ABC-Gefahr mehr ausgehen würde, da die möglicherweise noch verhandenen Waffen nicht mehr einsatzbereit sind. Rosemary Hollis vom Royal Institute of International Affairs meint, die Meldungen über eine irakische Atomwaffe würden von der US-Regierung lediglich lanciert, um einen Vorwand für den Einsatz eines eigenen Atomgefechtskopfes zu konstruieren.

Februar 2002. Auf Anregung von Vizepräsident Dick Cheney (Vizepräsident) und im Auftrag der CIA reist ein hochrangiger US-Diplomat in den Niger, um die Geheimdienstinformationen zu überprüfen. Das Ergebnis fiel negativ aus. Es sei höchst zweifelhaft, hieß es in seinem Bericht an die CIA, dass der Irak aus Niger atomwaffentaugliches Uran erworben habe.

4. Juli 2002. Nachdem UN-Generalsekretär Kofi Annan zunächst Fortschritte bei seinen Verhandlungen über eine mögliche Rückkehr der Inspekteure erzielt hatte, scheitert die in Wien angesetzte dritte Verhandlungsrunde.
Die UNSCOM-Nachfolgeorganisation UNMOVIC (U.N. Monitoring Verification and Inspection Commission) umfaßt derzeit 272 Inspektoren unter der Leitung von Hans Blix. Seit ihrem Rauswurf vor drei Jahren haben die Kontrolleure mehr als eine Million Dokumente gesichtet. Bis zu 700 Verdachtsobjekte stehen auf ihrer Liste, darunter 100 Anlagen, die erst nach dem Abbruch der Kontrollen unter Verdacht gerieten.

Januar 2003. George W. Bush (Präsident der USA) behauptet in einer Rede an die Nation dass der Irak in den 1990er Jahren versucht habe, in Afrika atomwaffenfähiges Uran einzukaufen.

März 2003. Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) meldet, die angeblichen Beweise für den Kaufversuch von atomwaffenfähigem Uran beruhten auf gefälschten Dokumenten.

20. März 2003 bis 1. Mai 2003. Die USA inszenieren mit ihren Verbündeten den völkerrechtswidrigen Irakkrieg (auch Zweiter Irakkrieg oder Dritter Golfkrieg) um den Diktator Saddam Hussein zu stürzen.
Die Koalition der Willigen verschießt im Laufe des Krieges etwa 1000 bis 2000 Tonnen panzerbrechende Uranmunition. Ein Jahrzehnt später liegt die radioaktive Belastung stellenweise 180 Mal höher als die natürliche Strahlenbelastung. In Krankenhäusern steigt die Anzahl von Leukämien und anderen Krebsarten teilweise um mehr als das Zehnfache. Auch Missbildungen bei Kindern nehmen drastisch zu. Laut der IAEAO soll es jedoch keinen wissenschaftlich beweisbaren Zusammenhang zwischen Uranmunition und erhöhten Krebsraten oder anderen gesundheitlichen Schäden geben.

9. Juli 2003. Die US-Regierung gibt offenbar erstmals zu, dass Geheimdienstinformationen über das mutmaßliche irakische Atomwaffenprogramm falsch gewesen sein sollen. Offiziell wird insbesondere die Behauptung eingeräumt, dass sich insbesondere die Behauptung, der Irak habe in den neunziger Jahren versucht, in Afrika atomwaffenfähiges Uran einzukaufen, nicht belegen lasse. Ebensowenig, wie die Behauptung, der Irak hätte im Jahr 2002 Aluminiumrohre für Zentrifugen zur Uran-Anreicherung aus dem Niger zu kaufen versucht.

2004. Nach dem Irakkrieg werden 1,8 Tonnen niedrig angereichertes Uran in die USA überführt.

9. Oktober 2007. Von Anti-Mafia-Behörden in der süditalienischen Stadt Potenza werden Ermittlungen gegen zehn Personen, darunter zwei mutmassliche Mitglieder der 'Ndrangheta, der Mafia Kalabriens, wegen Handels mit Atommaterial in die Wege geleitet nachdem ein abtrünniger Mafioso ausgesagt hatte dass radioaktiver Müll in der Nähe der süditalienischen Stadt Matera vergraben worden sein soll. Zudem soll Atommaterial nach Somalia, in den Irak und im Meer verklappt worden sein.
Ermittelt wird auch gegen acht Forscher des Atomforschungsinstituts Enea wo auch Plutonium produziert wurde. Sie sollen die 'Ndrangheta mit der Entsorgung von gefährlichem Material aus der Atomforschung beauftragt haben. Unter den Verdächtigen ist auch Tommaso Candelieri (Ex-Direktor des Enea).
Zudem soll die 'Ndrangheta auch Atommüll aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den USA entsorgt haben. Vito Robert Palazzolo (Mafia-Boss aus Südafrika) soll sich um  die Schiffverfrachtung des Atommülls nach Somalia gekümmert haben.

Bis 2007. Die IAEO führt umfangreiche Inspektionen durch.

2008. Nach Kanada werden rund 600 Tonnen Yellowcake überführt.

10. Juli 2014. Im Nordirak bringt offenbar die Terrorgruppe ISIS atomares Material unter ihre Kontrolle. Es soll sich dabei um etwa 40 Kilogramm "Urangemische, die an der Universität von Mossul gelagert waren handeln. Die IAEO behauptet dass die Stoffe nur schwach angereichert wären und kein Risiko im Sinne der Sicherheit oder atomaren Weiterverbreitung darstellen würden. Der Irak warnt dagegen dass das Material zur Waffenherstellung im Land oder anderswo verwendet werden könnte.

7. Oktober 2014. Die irakische Armee soll laut der britischen "Sunday Times" im Haus  eines hochrangigen Kommandeurs der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) ein Manifest entdeckt haben laut dem der IS Russland Ölfelder im Irak für geheimes Wissen um das Iranische Atomprogramm anbietet. Zudem verlangt der IS offenbar, dass Russland die Golfstaaten gegen den Iran unterstützt und den syrischen Präsidenten Bashar al Assad nicht länger schützt. Das Manifest das insgesamt 70 Vorschläge enthalten soll wird Abdullah Ahmed al-Meshedani, einem von 6 Mitgliedern des Kriegskabinetts der IS zugeschrieben.

15. Oktober 2014. Dick Cheney (Ex-Vizepräsident der USA) warnt, dass die Terrormiliz Islamischer Staat in den Besitz von Atomwaffen kommen und die Region in Schutt und Asche legen könnte. Seiner Meinung nach kommt "ein Terrorangriff, der viel schlimmer wird als 9/11.

1. Dezember 2014. Der Islamische Staat droht Richtung London dass bereits eine schmutzige Bombe mit 40 kg radioaktivem Material aus der al-Mosul-Universität hergestellt worden wäre.
In Großbritannien schlägt die Meldung ein, weil mit Hamayun Tariq auch ein britischer Sprengstoffexperte mit einer schmutzigen Bombe gedroht haben soll. Man befürchtet einen Anschlag auf London, nachdem etwa Muslim-al-Britani erklärt hat, dass eine solche Bombe, wenn sie in London explodieren würde, sehr viel mehr Unruhe als eine normale Bombe verursachen würde. Der irakische UN-Botschafter warnte bereits nach der Einnahmen von Mosul durch den IS, dass diesem auch radioaktives Material in die Hände gefallen sei, mit dem sich Bomben herstellen ließen.

Bilder aus Wikimedia Commons
Baghdad Nuclear Research Facility,  Lizenz: Gemeinfrei, Urheber: Department of Defense

Quellen
15.10.2014, Welt, EX-US-VIZE CHENEY 15.10.14 "Was die USA erwartet, wird gravierender als 9/11"
07.10.2014, Focus, Manifest im Irak aufgetaucht, Ölfelder für geheime Atomtechnik: IS-Dschihadisten wollen Russland bestechen
10.07.2014, Telepolis, Maliki behauptet Verschwörung von Kurden und Terrorkalifat
10.07.2014, Tagesschau, Konflikt im Irak, ISIS erbeutet nukleares Material
14.02.2012, Welt, OPERATION BABYLON, Als Israels Kampfjets Saddams Atomfabrik zerbombten
09.07.2007, Krone, Gefährliche Deals, Mafia des illegalen Atom-Handels verdächtigt
09.07.2003, Tagesspiegel, Politik, CIA-Informationen über Atomprogramm im Irak waren falsch USA: Keine Beweise für Urankauf Premier Blair vor Ausschuss
00.02. 2002, BITS, USA: Der nächste Angriff auf den Irak
00.03.1990, Wissenschaft und Frieden, Raketen im Golf – Ist der Geist schon aus der Flasche?
18.12.1989, Spiegel, Waffenexport, Orders aus Bagdad